Der Tag, als der Engel kam

Eines Tages kam der Engel. Zuerst konnte niemand ihn sehen. Er war ein Engel. Er kam und er hatte keine Flügel.

Niemand konnte es wissen, er war ein Engel. Er kam und er hatte viel zu tun. Jeder konnte fühlen, er war ein Engel. Er blieb und machte seine Arbeit.

Dann konnte jemand sagen, er wäre ein Engel. Er stand und seine Flügel wuchsen. Der Engel, ein Tag, als er kam.

Plattdeutsches Gedicht von Marianne Ehlers Bordesholm

Gerhard Helmecke und Ursula Helmecke, geb. Heinrichs heirateten am 02. März 1943

Gerhard wurde am 2. Dezember 1918 in Neue Schleuse, in der Nähe von Potsdam geboren, als jüngerer von zwei Brüdern. Sein Vater war Ingenieur von Beruf und zuweilen Bürgermeister der Ortschaft. Sein Bruder wurde Mathematiker, dann Astrologe. Nebenbei beherrschte er nicht weniger als 7 Sprachen, darunter Latein, Griechisch und Hebräisch.

Nicht so intellektuell wie der Bruder, war Gerhard. Dagegen war er ein selbstständiger, strebsamer, fleißiger und sparsamer Junge, der oft in der nahegelegenen Havel nach Kohlestücken tauchte, die manchmal von den Kähnen beim Transport ins Wasser fielen. Die Veranlagung zur Sparsamkeit hatte er von seiner Mutter, die stehts betonte: “Wer den Pfennig nicht ehrt ist des Talers nicht wert”.

Eher unpassend zu seinem Charakter, galt sein erstes Interesse nicht der Technik, sondern der Backkunst. Er wollte eigentlich Bäcker lernen. Er versuchte, seinen Vater davon zu überzeugen, ein Café mit Kino aufzumachen. Dies war zu der Zeit eine recht fortschrittliche Idee, die ihm auf die Dauer ein weit besseres, verhältnismäßig sorgloses und ohne Frage längeres Leben beschert hätte. Am Ende aber konnte er seinen Vater nicht dazu bewegen, seinen Plan auszuführen.

Danach entschloss er sich, Werkzeugmacher zu lernen, und wurde Lehrling bei der weltbekannten Optikfirma Nitsche und Günther, Rathenow (NiGuRa). Zum Abschluss seiner Lehre machte er dort vor Kriegsbeginn seine Gesellenprüfung. Vom Meister bekam er eine ungewöhnlich positive Bewertung.

Noch vor dem Krieg trat er in die Luftwaffe ein. Nach dem Abschluss seiner allgemeinen Grundausbildung wurde er der Waffenmeisterei für Jagdflieger unterstellt. So gelangte er mit seiner Kompanie im ersten Kriegsjahr nach Holland, und dann nach Frankreich, in den folgenden Jahren nach Polen, und östlich in die Ukraine. Die Fliegerhorste wurden oft verlagert, je nach der Verschiebung der Front.

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Deutsches Reich mit den fünf Besatzungszonen und Berlin 1945. A Amerikanische-, B Britische-, F Französische-, R Russische-, und Polnische-Besatzungszone

Mit einigen tragbaren Habseligkeiten und ein paar Butterbroten begann die abenteuerliche Reise per Güterzug in den Westen, nach Bordesholm. Es wurde eine Höhle in einem Kohlenwaggon eingerichtet, ein Holzdeckel daraufgelegt, und Kohle darüber verteilt. Dieser unbequeme Schlupfwinkel machte den Grenzübertritt aus der sowjetisch besetzen Zone in die britische Zone möglich. Auf Grund seiner französischen Sprachkenntnisse hatte sich Gerhard in Berlin als Zwangsarbeiter aus Frankreich ausgegeben. So gelang der Familie die Übersiedelung (Flucht) nach Schleswig-Holstein.

Das Serben-Lager in Wattenbek

Im November 1941 sind die ersten 150 Spanier in die 11 Wohnbaracken in Wattenbek eingezogen. Sie waren aufgrund eines staatlichen Arbeitsabkommens zwischen dem Deutschen Reich und Spanien als Rüstungsarbeiter nach Deutschland gekommen. Es ist davon auszugehen, dass in jeder Wohnbaracke annähernd 50 Arbeiter untergebracht werden konnten. Somit ergibt sich für das DWK-Lager in Wattenbek eine Belegungskapazität von 550 Personen. Jede Wohnbaracke bestand aus 3 Zimmern mit je 8 oder 9 doppelstöckigen Betten. Die Leitung des Lagers hatte Wilhelm Froböse aus Rendsburg übernommen. Nachweislich haben sich in den folgenden Jahren Staatsangehörige aus Belgien, den Niederlanden, Frankreich, Italien, Polen und der Sowjetunion im Lager Wattenbek aufgehalten. Es handelte sich in den meisten Fällen um (zivile) Zwangsarbeiter. Inwieweit das Lager auch zur Internierung von kriegsgefangenen Soldaten genutzt wurde, ist z. Zt. noch unklar.

Mit der Besetzung Schleswig-Holsteins durch die Engländer erhielt das Lager Wattenbek im Mai 1945 eine neue Funktion. Es wurde ein DP-Lager für “displaced persons”, d.h. alle Serben, die in der näheren und weiteren Umgebung als Zwangsarbeiter beschäftigt gewesen waren, wurden nach Wattenbek gebracht. Sie mussten bis zum November 1946 auf ihre Repatriierung nach Jugoslawien warten. Viele von ihnen sind nicht wieder in ihre Heimat zurückgekehrt. Einzelne sind in Wattenbek geblieben und haben sich hier eine neue Existenz aufgebaut. Aus dem Lager in Wattenbek ist somit nur für die Zeit von 19 Monaten ein “Serbenlager” geworden!

Die wertvollen Kontakte, die Gerhard dort knüpfte, ermöglichten es, Verpflegung zu “organisieren”, die sonst nicht zu haben waren. So wurden lebenswichtige Nahrung sowie auch Kleidung unter den Familienmitgliedern verteilt. Zum Frust Gerhards verteilte seine “zu” gutmütige Frau einen großen Teil davon an die hungernde Nachtbarschaft.

Gerhard und Ursula Helmecke im Serbenlager

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist Gerhard-4.jpgEine ehemalige “Serbenlager”-Wohnbaracke aus dem Besitz der Bruegger Familie Sander wurde 1946 angemietet, um dort eine Brillenbügel Fabrikation aufzubauen. Der Impuls dafür kam (so erscheint es jedenfalls) von einem Prof. Dr. Pistor, ein Augen-Optiker in Eutin. Die Bestellungen, Käufer und Fabrikationszahlen der Brillenbügel sind leider unklar.

Für eine derartige Fabrikation am Ort waren keine Werkzeuge, Fabrikationsvorrichtungen, Arbeitsbänke, Sitzstühle, Material, Telefon, usw. vorhanden, gelernte oder etwa erfahrene Arbeitskräfte auch nicht. Geld war für den Kauf von allen erforderlichen Sachen schon gar nicht da.

So wurde meist Schrott entrostet, aufgearbeitet und mit Farbe gestrichen. Andere Dinge wurden selbst gebaut oder zusammengeschustert, Vorrichtungen und Werkzeuge selbst hergestellt. Alles musste “organisiert” werden. Dafür hatte Gerhard ein ungewöhnliches Talent. Aus dem nichts was zu machen war aber eben seine Stärke und so entstand in aller kurzer Zeit die Struktur eines Betriebes. Es fehlten nur noch die Arbeitskräfte. 

Diese sammelten sich aber auch zusammen, denn Arbeit gab es zu dieser Zeit fast nicht. Arbeit zu haben war sehr wertvoll.

So begann die Fabrikation von Brillenbügeln. Leider erwiesen sich die ersten Schritte alles andere als problemlos. Das Hauptproblem war, ein Loch in den Brillenbügel-Rohling zu bohren, bis zu einer Tiefe von 150mm, mit einem Durchmesser von weniger als 2.0 mm. Dieser Arbeitsgang erforderte echtes Fingerspitzengefühl, die nur wenige der Arbeitskräfte besaßen. Anfänglich wurden viele der wertvollen Bohrer abgebrochen, bis sich herausstellte wer für diese Arbeit am besten geeignet war. Die restlichen Arbeitsgänge erwiesen sich unproblematischer: Einfügen der Drahteinlagen, Scharnierausbuchtung-fräsen, Scharniere-vernieten.

In kurzer Zeit wurde die Firma Geschäftlich rentable. Der Umsatz nahm rapide zu, so dass der Fabrikationsraum der Baracke für die nötige Arbeit schnell zu klein wurde. Schon 1948 wird ein Grundstück in der Wilhelm-Staabe-Str. für eine Erweiterung und dauerhaften Standort der Firma Helmecke gekauft.

Gerhard Helmecke in der Wilhelm-Staabe-Str in Wattenbek, Zeitleiste

1948 Das erste Grundstück wird in der Wilhelm-Staabe Strasse gekauft.

Auschachtung des Unterkellers begann im folgenden Jahr und kam schnell voran.

Zur selben Zeit läuft die Brillenbügel Fertigung in der Serbenlager Baracke weiter.

November 1949 Der Unterkeller, erste Etage, Mauerwerk und Flachdach sind fertig. Innenausstattung und Fester fehlten noch.

Ein kleineres Gebäude (Nr. 2) wird an der hinteren Grundstücksgrenze errichtet (erst mit Flachdach)

April 1950 Der erste Bau ist soweit Einzugs bereit.

Der große Teich, vorher eine Wasserkuhle, wird Ausgebaggert.

Ein Feuerwehrgebäude wird am Rand des großen Teichs errichtet. Dort sind zwei große Benzin Wasserpumpen, Schläuche und verschiedene Feuerbekämpfungsausrüstung untergebracht. Im Fall eines Brands wurden regelmäßige Übungen ausgeführt.

Herbst 1950 – Fruehling 1951 Maschinen werden vom Serbenlager Baracke in den Neubau transportiert und aufgebaut.

Ein drittes Gebäude wird am anderen Ende des unbebauten Grundstücks errichtet. Weiter entfernt vom Hauptgebäude diente dieses zur Lagerung des feuergefährlichen Zelluloids.

Fruehling 1951 Ein zweites Stockwerk wird auf das erste gebaut, obendrauf ein Dachgeschoss, sowie ein massives angebautes Treppenhaus. 

Oktober 1951 Richtfest wird gefeiert

November 1951 Das Gebäude ist Bedacht

Der große Teich wird mühselig mit Handarbeit trockengelegt und ausgeschachtet. Boden und Terrassen werden geformt und zementiert. Badehaus, Sprungturm und Rutsche kommen dazu.

1952 Das letzte freie danebenliegende Grundstück wird gekauft. Der Firmenkomplex liegt jetzt zwischen den Grundstruecken von Schulz and Dr. Techow.

Ein mittelgroßes, viertes Gebäude, wird vor dem dritten Gebäude errichtet. Dieses dient im Laufe der Zeit als Druckerei.

1953 Der Zweite Großbau (fünftes Gebäude) wird ausgeschachtet.

1954 Der Zweite Großbau: die Kellerräume, erste Etage und zweite Etage sind errichtet.

1954 Die Plattenanlage wird ausgeschachtet und Wände der Kellerräume errichtet.

1954 Der Zweite Großbau hat Richtfest

1956 Das sechste Gebäude wird errichtet. Darin werden Elektrowerkstatt, Malerei und Trafoanlage für die ganze Firma untergebracht.

1957 Planierung des letzten Grundstücks direkt an der Wilhelm-Staabe Strasse.

1958 Die letzten zwei Großgebäude werden errichtet, diesmal im Hallenbau Format, jedes mit zwei Stockwerken, die enden mit Treppenbau verbunden. Zwischen den Gebäuden entsteht ein offenes Artium mit zwei Fischteichen

1958 Das hinten grenzende Grundstück wird gekauft. Der ehemalige Acker verbindet das jetzt mehrfach vergrößerte Firmengelände mit der Bruegger Chaussee

1959 Das neue Gelände wird bearbeitet. Der Firmeneigene Mercedes Lastwagen (Kipper) transportiert große Mengen Kies von einer Kiesgrube in die nahe gelegene Schulstrasse. Dieser Kies wird auf das ganze Gelände deponiert und dient auch dazu eine erhöhte Verbindungsstrasse von dem alten Firmengelände zur Bruegger Chaussee zu bauen. Diese Strasse wird im laufe der Zeit vollkommen betoniert.

Folgende Jahre werden zur Zeit noch aufgearbeitet….

Anmerkung Rolf Schröder:

Ich war 5 Jahre alt, als plötzlich Frieden war. Im sonnigen Mai 1945 tanzte ich mit den Schwestern im Garten der Hauschild-Klinik in Wattenbek und sprang über die frisch angelegten Beete. Die Schwestern schrien: “Es ist Frieden, Frieden, Frieden.” Seitdem weiß ich, was Frieden ist.  In Eiderstede bin ich 1946 eingeschult worden. Familie Siegfried Schröder wurde im Sommer 1943 mit drei Kindern in ein neu erbautes Siedlungshaus in Bordesholm eingewiesen. Gleich nach Einzug ist dort im Juli das vierte Kind, Helga, geboren. In Haus und Garten halfen freundliche jugoslawische Fremdarbeiter, auch Frauen. Ich habe schöne Erinnerungen daran. Die Arbeiter waren froh, bei uns arbeiten zu können. Zum Einzug war ich war 3 Jahre alt. Mein Vater war Elektro-Monteur und arbeitete in der Germania-Werft in Kiel.  

Forstetzung folgt

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ERINNERUNGEN an das AHRTAL

Deutsche Geschichte selbst erlebt: Klassenfahrt ins Rheinland und Westfalen 1957 (northsail.de)

Metaller-KLasse der Staatl. Berufsschule Neumünster. Während der Bus noch vor dem Abfahrtstermin pünktlich am Bahnhof Neumünster steht und wir alle eingestiegen sind, stellt sich heraus, dass die Bundesbahn mit ihren Fahrgästen aus Bordesholm noch nicht zur Stelle ist. Endlich gibt es das lang erwartete Startzeichen und wir rollen über den Kuhberg und den Großflecken in die Altonaer Straße nach Hamburg ein …
3. Lehrjahr Werkzeugmacher, beim Pförtner Gerhard Helmecke Optische Fabrik in Wattenbek, Holstein

Unsere Bildungsreise ins Ahrtal

Freuen Sie sich mit mir darüber, dass es einen großen Wiederaufbau geben wird. Nicht alles kann wiederentstehen! Aber was aufgebaut wird, wird besser sein. Die Geschichte hat uns deutsche gelehrt, viel Leid zu tragen. Die junge Generation soll sich dies gründlich ansehen! Losgelassene Naturkräfte machen Menschen geduldig und demütig. Während wir zuerst noch den Rhein neben uns haben, befindet sich bald an seiner Stelle ein kristallklares Flüsschen, das sich seinen beschwerlichen Weg durch das graubraune Schiefergestein bahnt.

Es ist die Ahr, die bei Remagen in den Rhein mündet. Ein wunderbar strahlender Tag gibt uns Gelegenheit,

dieses wildromantische Tal, das die Ahr in unersättlicher Nagearbeit schuf, dessen steile Bergwände in Stufen emporführen, kennen zu lernen. Hier finden wir das größte geschlossene Rotweinanbaugebiet in Deutschland. Es ist ein eigenartiger Anblick, wenn man an den steilen Berghängen die scheinbar aus dem Schiefergestein sprießenden Weinstöcke sieht.

In der Ortschaft Mayschoss, sozusagen an der Quelle, schlagen wir unser Lager auf. Da das Essen im Hotel zu teuer ist, hat sich unser Reiseleiter einen neuen Clou einfallen lassen; Jeder bekommt zwei Brötchen und zwei große Bockwürste in die Hand gedrückt, und dann wird eifrig, auf der Ufermauer der Ahr sitzend, gegessen.

Jetzt kommt der Hauptteil: Die Besichtigung eines Weinkellers! Es ist ein Weinkeller, der ca. 1,5 Millionen 1 Fassungsvermögen hat. Er gehört der im Jahre 1868 gegründeten Mayschosser Winzergenossenschaft. In langen Reihen stehen hier unzählige Fässer, und mancher hätte gern eines im Koffer verstaut. In einem Stimmungskeller haben wir ausreichend Gelegenheit, den roten. Traubensaft zu probieren, und mehr als einem hat es der Ahrwein angetan. Lustige Lieder und heller Gläserklang lösen einander ab. Manchem, der sonst schweigsam dasitzt, löst er die Zunge, und man sieht viele lachen wie nie zuvor. Aber wenn es am schönsten schmeckt, soll man aufhören.

Als frohe Gesellschaft verlassen wir am Nachmittag dieses fröhliche Städtchen. Wer jetzt denkt, dass wir umkehren, der hat weit gefehlt! Es geht noch weiter das Ahrtal hinan. Immer begleiten uns Weinberge und das muntere Bächlein. Doch langsam wandelt sich die Gegend, und statt mit Weinreben bepflanzter Berge dehnen sich sanfte Kuppen und grüne Weiden aus. Die Straße wird immer steiler, und es geht in Haarnadelkurven serpentinenartig aufwärts.

 Uns fallen die vielen Reklameschilder und Fahnen der Autoindustrie auf, und schon können wir eine breite Asphaltstraße sehen: Wir sind am Nürburgring. Schnell wird aus dem Autobus gesprungen, und schon stehen wir neben der Rennbahn. Hier wird heute das ADAC-1000-km-Vorentscheidungsrennen ausgetragen.

Während ein silbergrauer Porsche über den rauen Asphalt jagt, knatternd und dröhnend die Kurve nimmt, kommt schon wieder ein rot angestrichener Wagen in sausender Fahrt. Die Fotoenthusiasten versuchen, einen Wagen auf den Film zu bannen, und wir lachen herzlich, als einer einen Rennwagen knipst, der noch gar nicht da ist. Ja, ja, das kommt vor.

Unsere Heimfahrt führt uns dann durch die Eifel. Viele kleine Städte ziehen an uns vorüber; Einige ältere Häuser sind ganz aus Schiefergestein. Endlich machen wir Halt. Wir sind in Koblenz, direkt auf dem Deutschen Eck. Hier haben wir einige Stunden Aufenthalt. Die Festung Ehrenbreitstein schaut breit und behäbig von einem Felsen am anderen Rheinufer. Da mich Koblenz sonst nicht interessiert, unternehme ich einen Abstecher zur Festung. Am Fuße dieses Schieferfelsens angekommen, muss ich feststellen, dass ich für Auf- und Abstieg nur noch eine halbe Stunde Zeit habe. Ich haste die Serpentinen, die steil den 120 m hohen Felsen hinaufführen, entlang; doch nach wenigen Minuten bin ich außer Atem. Als ich dann endlich an der Umfassungsmauer stehe, die wohl 2 m dick ist, und durch eine der unzähligen Schießscharten sehe, bin ich für alles entlohnt. Im leichten Dunst stehen die Moselbrücken. Touristen, kleiner als Ameisen, stehen auf dem Deutschen Eck und die trübe Masse des Rheins, in der ein Raddampfer sich flussaufwärts schiebt, wälzt sich langsam vorwärts.

Ist soziale Marktwirtschaft überholt?

Deutsches Stahlwerk aus Dortmund in China 

 Unternehmen, zivile Gesellschaften übernehmen Macht

 Schier unbegrenzten Zugang zu Inspiration und Wissen bieten digitale Netzwerke. Für immer neue Herausforderungen verbinden sie Menschen in Wort, in bewegten Bildern und in Ton. Kommunikation wandelt sich durch immer raffiniertere Darstellung. Facebook erzielte damit im Jahr 2019 einen Umsatz von 70,7 Mrd. USD. Menschen sind es, die für sich privat oder geschäftlich Profile anlegen. Sie dienen der Darstellung der eigenen Person, und zur geschäftlichen Nutzung durch Gruppen. Gemeinsame Interessen werden intensiv ausgelotet.

 Wer nimmt kleines Geld mit Limit ein? 

 Wenn zwei Milliarden Facebook-Nutzer vereinbarungsgemäß je einen Dollar geben, dann kommen sofort 2 Milliarden Dollar zusammen. Zahlen sie den üblichen Beitrag von 2 Dollar/Tag, sind es in 5 Tagen bereits 10 Milliarden Dollar. Regulierungen im Sekundentakt können heute nur noch digital stattfinden. Unternehmen wachsen und sind vorbestimmten Zusammenhängen ausgesetzt. Nur noch Digitaltechnik mit künstlicher Intelligenz kann diese Datenmengen bewältigen. Dies macht es vereinbarungsgemäß jedem einzelnen Menschen möglich, zu handeln. Staatliche Kontrolle und staatliche Führung werden zunehmend unmöglich. Regulierungen können nur noch von Technik wahrgenommen werden. Daraus Facebook einen Vorwurf zu machen ist absurd.

 Ungeheure Geldmengen werden generiert

 Durch außergewöhnliche Erfindungen entsteht Geld, das in private Unternehmungen fließt. Weil jeder einzelne Mensch diese Produkte dringend braucht, werden täglich gewaltige Geldmengen generiert, die größer sein können als ein Staatshaushalt. Es ist so viel, dass ein Unternehmen Mühe hat es einzusetzen und begrenzt zu investieren. Das Spiel damit erleben wir in politischen Debatten und in geldwerten Vorhaben täglich. Es wird mit Papiergeld, Kryptowährungen gehandelt und mit Schulden in Milliardenbeträgen gewirtschaftet.

 Kapitalismus ist anders als soziale Marktwirtschaft

 Investment und Kryptowährungen ersetzen staatliches Geld. Noch werden Steuern eingenommen und verteilt. Aber noch größere Beiträge sind daneben verfügbar. Wer will dieses Geld sinnvoll nutzen? Wer entwickelt das Handlungskonzept? Sozialismus ist undurchführbar geworden. Mehrheiten lösen keine Probleme. Genie und genial ist immer einsam. Was ernst genommen wird bestimmen professionelle Meinungsmacher überall. Die sachgerechte Lösung bleibt Ausnahme. Kleine Staaten, wie Österreich, Niederland, Luxemburg, die Schweiz oder Lichtenstein können einfacher zurechtkommen. Den Mächtigen entgleitet die Macht.

 

Niemals mehr allein sein

Was Menschen einander geben können

   Sherry Turkle vom MIT, Autorin von Alone Together and Reclaiming Conversation nennt es Zufall Fortune:Ich sehe einen historischen Trend, mehr Reibung einzuführen, uns zu verlangsamen, nach oben zu schauen und miteinander zu sprechen. Was Menschen geben können, lernen wir zu schätzen. Der Trend für das nächste Jahrzehnt: Die Umarmung dessen, was wir nicht mit Maschinen teilen können. Die menschenspezifische Freude am reibungsgefüllten Leben wird neu entdeckt werden!

Digitale Präsenz

   Soziale Isolation scheint unmöglich geworden zu sein. Tag und Nacht halten wir digital Kontakt. Am Beispiel digitaler Präsenz entdeckt der Mensch den Wert körperlicher Verbundenheit, von Angesicht zu Angesicht, neu. 
   Junge Menschen sprechen per Whats-App miteinander. Nicht nur im Arbeitsalltag, auch im täglichen Miteinander ersetzen Telefone direkte Kontakte zwischen den Menschen.

Soziale Isolation überwinden

   Die Abrechnung für ein solches Verhalten wird fällig. “Einsamkeit tötet”, sagt Robert Waldinger von der Harvard Medical School: “Dies ist so mächtig wie Rauchen oder Alkoholismus.” Die Forscher stellen fest, dass soziale Isolation das Risiko für Herzerkrankungen um 29 % und für einen Schlaganfall um 32 % erhöhen. England hat einen Minister für Einsamkeit ernannt. In Corona-Zeiten – im Home-Qffice – arbeiten wir zeitlos, digital von zu Hause aus.

Empathie – Sicherheitsanfälligkeit

   Was ist Gruppenarbeit? Gruppenaktivitäten basieren auf Vertrauen. Ohne persönliche Interaktionen, lässt sich Vertrauen nicht aufbauen. Neu ist, dass Unternehmen Mitarbeiter ermutigen, ins Büro zurückzukehren. Kreativität und Innovation bedürfen der menschlichen Begegnung.

 Geoff Colvin ist Autor und langjähriger Redakteur bei Fortune. 

— hier: Wir lieben Ellerau.